Weihnachtsbäume erdrosseln Wild und Wald

Weihnachtsbaumkulturen im Hochsauerlandkreis: Eingezäunt zwei Kulturen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, wo einst Wald war
Die Landesregierung will das Landesforstgesetz ändern. Geschlossen werden soll eine Lücke, nach der Weihnachtsbaumkulturen als Wald gelten. Dies erlaubt, sie insbesondere auf Windfallflächen, die der Orkan Kyrill Anfang Januar 2007 hinterließen, anzupflanzen. Diese Waldflächen müssen wieder als Wald aufgeforstet werden. Ein Wald ist ein Mehr­ebenen-Ökosystem. Genau entsteht auf diesen Fläche nicht. Die Plantagen sind auch keine vorübergehende Erscheinung. Nach dem die Bäume die für den Verkauf geeignete Größe erreicht haben, werden sie gefällt oder ausgepflanzt und es werden wieder neuen Bäume gepflanzt. Dabei ist zu erleben, dass Flächen vollständig gerodet werden und bereits kleine Bäume in Plastiktöpfchen “geerntet” werden.

Im Hochsauerlandkreis bin ich Mitpächter eines Jagdreviers. Zuletzt hat sich die bereits verringerte Pacht erneut um ein Viertel verringert, da zahlreiche Flächen mit Weihnachts­bäumen dem Wild und weitgehend der Jagd entzogen sind. Die Weihnachts­baum­flächen nehmen weiter zu. Auch die eingezäunten Flächen ehemaligen Waldes nehmen zu. Die Bäume sollen so vor Verbiss geschützt werden. Kulturen ohne Zaun (siehe Bild unten) sind eine Ausnahme. Die Weihnachtsbaumkulturen haben verschiedene Eigentümer bzw. verschiedene Pächter. Da gibt es die landwirtschaftlichen Großflächen, in denen osteuropäische Kolonnen arbeiten, Pflanzenschutzmittel in Mengen aufgetragen werden und zugleich Schafherden grasen. Und dann gibt es die kleinen Pachtflächen, wo am Nachmittagen trockener Feiertage die Mutti mit dem weißen Kittel vorfährt, um eine Stunde mit dem Rasentrimmer das Unkraut zwischen den Bäumen kurz zu halten. Die vielen Einzelflächen bilden bei mir mittlerweile einen Riegel von mehr als zwei Kilometern Länge. Wild kommt da nicht mehr vor und durch. Höchstens Schwarzwild (Wildschweine) würden die Zäune anheben, Hasen durch die Maschen schlüpfen. Allerdings liegen viele Weihnachtsbaumplantagen auf sehr kargen, steinigen Böden, die wenig zu bieten haben. Nachhaltige Waldbewirtschaftung, die auch übrige Flora und Fauna umfasst, ist das nicht. Das gilt im juristischen Sinne als Wald. Es ist keiner.

Wie kam es zu den Weihnachtsbaumplantagen auf Kyrill-Flächen?

Der Orkan Kyrill bescherte den Waldbesitzern Kosten für die Aufarbeitung des gefallenen Holzes. Es brachte aber auch Mehreinnahmen. Es handelt sich um vorgezogene Einnahmen kommender Jahre, die erst später entstanden wären, wenn die Bäume nach und nach entnommen worden wären. Die Einkünfte wären dann gleichmäßiger und höher gewesen. Da nicht alle Bäume zum optimalen Zeitpunkt geworfen wurden. In den Jahren 2007f kam es zu stärkeren Einkünften für die Waldbesitzer. Allerdings mussten die Fläche auch wieder aufgeforstet werden. Setzlinge aus Baumschulen waren rar und teuer, wie auch die Aufarbeitung des Bodens. Wurzeln sollten herausgenommen werden, die Löcher entwurzelter Bäume eingeebnet werden. Da gibt es maschinelle Hilfe, aber auch die ist teuer. Für die Pflanzung höherwertiger Kulturen gab es höhere Zuschüsse vom Land, aber die höhere Eigenanteile schreckten ab. Es galt halt mehr, Kasse zu machen. Einer der Gründe zur Verpachtung von Flächen als Weihnachtsbaumplantage war, dass darüber die Aufarbeitung bezahlt wird. In einigen Jahren, so die Vorstellung, gibt es eine Fläche zurück, auf die dann wieder ein Hochwald entstehen soll.

Allerdings haben diese unaufgearbeiteten und aufgearbeiteten Flächen für einen Hochwald ein Problem: Über Jahre und Jahrzehnte bringen sie keine Einkünfte. Da steht ja kein Wald, dem im Rahmen einer nachhaltigen Nutzung Bäume entnommen werden können. Der Wald muss erst einmal wachsen. Um kontinuierlich Einnahmen zu haben, bietet sich nur das Schlagen oder Verpflanzen der Weihnachtsbäume an, um dann erneut Weihnachtsbäume zu pflanzen. Dabei werden die Bäume unterschiedlicher Arten und Alter unterschiedlich vermarktet. So gibt es Spezialgefährte, auf denen Container komplett transportiert werden, um kleine Bäumchen in Plastiktöpfen direkt in sie zu verladen. Anschließend werden sie p Lkw abtransportiert. Die Sauerländer Weihnachtsbaumflächen haben sich um 625 % seit 2007 vermehrt, entnahm ich einer Debatte im Landtag am 13.12.2012 (Video von Minute 355-370). Erwartet wird eine weitere Zunahme von dann +800 %. Allein im Hochsauerlandkreis hat sich die Fläche an Weihnachtsbäumen um 2.000 ha vermehrt.

Schlecht für den Naturhaushalt

Problematisch sind derartige Monokulturen für die Umwelt. Lebensraum für Tiere und Pflanzen geht verloren. Eingezäunte Flächen haben noch stärkere Auswirkungen auf die Tierwelt. Auch das Landschaftsbild wird beeinträchtigt. Die Bilder dieser Seite heben das nur bedingt hervor, da ich diese Flächen meist nicht fokussiere. Auf dem oberen Bild ist der linke Berg nur etwas betroffen, der rechts angeschnittene fast vollständig. Die eh schon kargen Böden sind weiterer Erosion ausgesetzt.
Ich will da niemanden seinen Nebenverdienst geben, aber Umwelt und Wirtschaft gehören in Einklang. Und der ist hier nicht mehr gegeben. Die Kommunen können auch nicht einschreiten. Weihnachtsbaumkulturen auf landwirtschaftlichen Flächen bedürfen als “Wald” einer Genehmigung für diese Nutzung. Für die Kyrill-Flächen gilt das nicht. Diese Flächen für die Waldwirtschaft müssen als Wald bewirtschaftet werden. Weihnachtsbaumkulturen gelten laut Forstgesetz als Wald. Das ist die Gesetzeslücke. Kurzumschlags. bzw. Stockausschlagwälder gelten nicht als Wald. Hier werden selbst ausschlagende Bäume immer wieder zwecks Brennholzgewinnung bis auf den Stumpf geschlagen. Das hatte früher größere Bedeutung. Beide Nutzungsformen stellen keine nachhaltige Waldbewirtschaftung vor. Damit die Kommunen das im größeren Rahmen steuern können, muss diese Lücke geschlossen werden. Eine flächenbezogene Obergrenze für Weihnachtsbaumkulturen auf Waldflächen wäre ein Ansatz.

Das Problem großflächiger Plantagen ist meiner Wahrnehmung nach nur punktuell entstanden. In Bestwig ist es so stark, dass dort eine Bürgerbewegung entstanden ist, Einige hoch gelegene Gebiete bieten sich für die Plantagen aufgrund der Witterung an.

Genehmigungsvorbehalt besser als Einhaltung unbestimmter Rechtsbegriffe

Diese Verbotsoption über einen Genehmigungsvorbehalt zu realisieren scheint mir eher geboten, als über die Gebote einer nachhaltigen, ordnungsgemäßen Waldwirtschaft Behörden aktiv werden zu lassen. Da ist zu viel Spielraum, viel zu viel mit unbestimmten Rechtsbegriffen zu hantieren. Das Ergebnis ist ein Vollzugsdefizit. Das wird auch im CDU-dominierten Hochsauerlandkreis so gesehen. Hier hat der Kreistag (siehe auch Bericht auf zoom) bei einer Gegenstimme im Februar 2012 eine Resolution verabschiedet, das Landesforstgesetz anzupassen, auch um eine Rückführung der Plantagenfläche zu erreichen:

Die Neuanlage von Weihnachtsbaum- und Schmuckreisigkulturen sollte sowohl innerhalb als auch außerhalb des Waldes vom Waldbegriff ausgenommen werden. Zudem sollten durch eine gesetzliche Regelung die zwischenzeitlich auf ehemaligen Waldflächen errichteten Kulturen wieder einer Hochwaldnutzung zugeführt und ein weitgehender Verzicht auf Pflanzenschutzmittel allgemeingültig vorgegeben werden.

Noch ein Wort zum Pestizideinsatz. Dieser wird in der Menge angegriffen oder als vollkommen unnötig angesehen. Mir ist jetzt begegnet, dass nach Entnahme aller Bäume auf einer Weihnachtsbaumkultur Mais gepflanzt wurde. Mit Maschendraht eingezäunter Mais fällt mir besonders auf. Gesprächspartner aus dem Sauerland erläuterten mir, dass dies aufgrund der bereits im Boden befindlichen Pflanzenschutzmittel geschehe. Demnach sähe die Fruchtfolge so aus: 4-5 Jahre Weihnachtsbäume, 1 Jahr Mais und dann wieder Weihnachtsbäume. Ich werde das mal beobachten. Eigentlich muss das dann ja eine landwirtschaftliche Fläche sein und kein Wald.

Eine Änderung des Landesforstgesetzes halte ich für notwendig. Ebenso Maßnahmen um jetzt neu entstandene Weihnachtsbaumflächen mit Augenmaß wieder in Hochwald zu überführen. Dabei müssen auch die wirtschaftlichen Ursachen und Folgen für die Eigentümer beachtet werden. Es ist nicht richtig, dass diese die vorgezogenen Einnahmen einstecken ohne in neuen Wald zu reinvestieren. Es ist aber auch eine Bürde, auf Jahrzehnte nur Ausgaben und keine Einnahmen zu haben. Nicht alle Schäden sind gleichmäßig auf alle Eigentümer verteilt. Nicht alle Eigentümer haben so große Flächenbestände, dass die Schäden relativ unerheblich erscheinen. Meine bescheidene Wahrnehmung und Meinung.

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